Thomas Hitzlsperger hat die Jahre vor seinem öffentlichen Coming-out als schwere innere Zerreißprobe erlebt. In einem Gespräch mit Robin Gosens erinnerte sich der ehemalige Nationalspieler: „Ich will einen Freund kennenlernen. Und das geht nicht.“ Bereits „Mitte, Ende 20“ habe er gespürt: „Ich passe nicht mehr rein und die Kabine ist nicht mehr mein Feld. Ich bin anders.“
Während seine Mitspieler damals nach einer Freundin suchten, wurde Hitzlsperger zunehmend klar, dass er Männer kennenlernen wollte. Doch im Fußballumfeld fand er niemanden, dem er sich anvertrauen konnte: „Ich habe gemerkt, da ist keiner, dem ich vertraue, mit dem ich drüber reden kann.“
Besonders dramatisch wurde die Situation nach seinem Weggang vom VfB Stuttgart im Januar 2010. Nach seinem Wechsel zu Lazio Rom habe es ihn „echt zerrissen“. Hitzlsperger dachte damals auch über einen Einstieg bei 1860 München nach. Als ihn seine neuen Mitspieler bei Lazio einluden und sagten: „Ich habe ein paar Mädels eingeladen“, habe er sich gefragt: „Wie kommst du jetzt aus der Nummer raus?“

Der innere Druck zeigte sich schließlich auch körperlich. Hitzlsperger berichtete von plötzlich auftretenden Schweißattacken. „Ich dachte, ich muss raus hier“, habe er damals festgestellt. Zugleich habe er dem Trainer nicht erklären können: „Ich habe ein Problem, habe massive Ängste und schwul bin ich auch noch.“ Die Halbserie bei Lazio Rom sei für ihn deshalb „echt die Hölle“ gewesen.
Gleichzeitig erkannte Hitzlsperger, dass er seine sexuelle Orientierung nicht länger verdrängen konnte. Eine Zeit lang habe er sie dennoch geleugnet. Nach seiner Kindheit in einem katholischen Elternhaus habe er gedacht, „eines der schlimmsten Dinge ist schwul zu sein und dann trifft es mich“.
Schritt für Schritt öffnete er sich schließlich seiner Familie und seinen Freunden. Die Reaktionen seien positiv gewesen. Trotzdem habe er sich nie vorstellen können, dass er in dem Moment, in dem er sich in der Kabine oder öffentlich outet, noch gut Fußball spielen könne. Er habe keinesfalls „vor einer großen Öffentlichkeit scheitern“ wollen. Die Suche nach dem richtigen Zeitpunkt für sein öffentliches Coming-out habe ihn Jahre gekostet.

Eine schwere Verletzung brachte 2010 den Wendepunkt. „Diese sechs Monate haben mein Leben verändert“, erinnerte sich Hitzlsperger an seine Reha am Tegernsee. Diese Zeit sei „mit die schönste Zeit meines Lebens“ gewesen.
Während seiner letzten Station beim FC Everton lebte Hitzlsperger 2013 bereits in einer Beziehung. Im Januar 2014, nach dem Ende seiner aktiven Karriere, machte er seine Homosexualität öffentlich.
Für Hitzlsperger bedeutete dieser Schritt vor allem, die Kontrolle über sein eigenes Leben zurückzugewinnen. „Es hat so einen großen Wert für mich: Niemand kann mich irgendwie kompromittieren“, sagte er rückblickend. Der Umgang mit Homosexualität im Fußball habe sich zwar weiterentwickelt. Einen Zustand, in dem das kein Thema mehr sei und alle vollkommen tolerant seien, werde es aber nie geben, schätzte Hitzlsperger ein.
Auch Jens Spahn sprach erst kürzlich über sein Coming-out in seinem Heimatdorf.
