Die eingeschleppte Ameisenart Tapinoma magnum breitet sich in Baden-Württemberg aus und lässt sich kaum noch ausrotten. Fast 90 Kommunen sind betroffen. In Karlsruhe-Neureut lebt Deutschlands wohl größte Superkolonie: Sie erstreckt sich über rund 100 Hektar und dürfte Milliarden Tiere umfassen.
Um die Ameisen einzudämmen, fährt das Karlsruher Gartenbauamt befallene Straßen, Plätze und Parks vom Frühjahr bis in den Spätherbst, teils auch im Winter, mit einem Heißwasser-Fahrzeug ab. Richard Blantz spritzt dabei Wasser mit 110 Grad Celsius in Mauerritzen und den sandigen Untergrund. Tausende Ameisen samt Brut werden so getötet. Blantz nennt den Einsatz eine Sisyphusarbeit. „Der Kampf ist nicht mehr zu gewinnen“, sagt Karen Eßrich, die das Thema in Karlsruhe federführend betreut. Ziel sei deshalb, die weitere Ausbreitung der Superkolonien zu verhindern.

Nach Angaben des Umweltministeriums und des Ameisenexperten Manfred Verhaagh wurde die Art in fast 90 Kommunen Baden-Württembergs nachgewiesen. Der Südwesten weist Verhaagh zufolge bundesweit mit Abstand die meisten betroffenen Gemeinden auf. Das mediterrane Klima und teils sandige Böden in der Rheinebene kommen den Tieren entgegen. Verhaagh mahnt die Kommunen, das Problem ernst zu nehmen.
In Karlsruhe-Neureut leben die meisten Tiere unterirdisch, etwa 20 Prozent sind oberirdisch unterwegs. Dann werden sie für Menschen besonders lästig: Sie krabbeln an Armen und Beinen hoch und dringen in Häuser und auf Terrassen vor. Sind es sehr viele, helfen nach Eßrichs Angaben weder Staubsauger noch übliche Ameisenköder. „Das ist dann das Unangenehme, dass man sich vor den Ameisen nicht retten kann“, sagt sie.
Einwohner verzweifeln mitunter daran, die Tiere in Haus und Garten nicht in den Griff zu bekommen. Verhaagh berichtet von einer Frau in der Pfalz, die aus Verzweiflung ihr Eigenheim verkauft und nach Teneriffa ausgewandert sei. Manche Menschen führen laut Andreas Martens wegen der Plage kein unbeschwertes Leben mehr, fahren nicht in den Urlaub, leiden unter Schlafstörungen oder werden depressiv. Martens leitet das Institut für Biologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und hat eine Falle entwickelt, die bei der Bekämpfung helfen soll.
Die Folgen reichen über die Belästigung hinaus. In Kehl drangen Ameisen in Verteilerkästen ein und legten das Internet lahm; ein Spielplatz war vorübergehend nicht nutzbar. Auch in Karlsruhe können sich Bordsteinkanten absenken. Befallene Fugen können Mauern lockern und zum Einsturz bringen.

Experten vermuten, dass Tapinoma magnum in den 2000er-Jahren durch den internationalen Pflanzenhandel aus dem Mittelmeerraum eingeschleppt wurde. Mit Palmen oder Olivenbäumen gelangten die Tiere in deutsche Gärtnereien und Gartencenter und von dort in private Gärten. In Deutschland wurde die Art erstmals 2009 nachgewiesen.
Der Klimawandel begünstigt ihre Ausbreitung. Tapinoma magnum fühlt sich besonders auf warmen, aufgeheizten Flächen wohl; mildere Winter verbessern die Überlebenschancen großer Kolonien. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass sich die Ausbreitung in Deutschland künftig verstärken dürfte.
Kommunen setzen auf unterschiedliche Mittel: Fraßköder, Kammerjäger und Schädlingsbekämpfer oder Heißwasser. Eine Behandlung mit Stickstoff, die die Ameisen vereisen würde, ist noch nicht erprobt und könnte teuer sein.
In Karlsruhe kommen auch Martens’ Fallen zum Einsatz. Dabei handelt es sich um Lochsteine, die mit schwarzer Teichfolie abgedeckt werden. Tapinoma magnum ziehe gern in die trockenen Steine ein, sagt Martens. Sind Ameisen, Brut und möglichst viele Königinnen darin, wird der Stein in einen Wassereimer ausgekippt. Spülmittel verhindert, dass die Tiere wieder herausklettern. Die Falle eigne sich gut für private Grundstücke. Ohne die Mithilfe der Hauseigentümer werde die Bekämpfung schwieriger. Eßrich zufolge haben bereits weitere Kommunen Interesse an der Methode bekundet.

Die Bekämpfung ist auch mit erheblichen Kosten verbunden. In Kehl, wo die Ameisen seit 2023 bekämpft werden, fallen nach Angaben einer Stadtsprecherin jährlich rund 50.000 Euro Betriebskosten an. Hinzu kamen 60.000 Euro für die Anschaffung des Heißwassergeräts. Die zuvor beauftragten Fremdfirmen hätten sich als ineffizient erwiesen. Nürtingen geht seit diesem Jahr gegen die Ameisen vor. Nach Angaben einer Stadtsprecherin wurden dafür bereits 14.000 Euro ausgegeben; insgesamt sind derzeit 25.000 Euro im Haushalt vorgesehen.
Karlsruhe zahlte in diesem Jahr 120.000 Euro für das Heißwasser-Fahrzeug, zusätzlich entstehen Personal- und Sanierungskosten für beschädigte Gehwege. Seit Mai sind die Ameisenbekämpfer nach Eßrichs Angaben rund um die Uhr im Einsatz. „Und es reicht eigentlich hinten und vorne nicht.“ Zum bisherigen Zweierteam sollen möglichst ab März oder April 2027 drei weitere Teams hinzukommen. Rund 250.000 Euro pro Team wären allein für das Personal nötig. Das würde den ohnehin klammen Stadthaushalt mit einer Million Euro pro Jahr belasten. „Aber wir müssen was machen“, sagt Eßrich.
