Auf dem Wahlzettel, zwischen den Namen der zugelassenen Parteien, stand der Satz, den in Russland niemand laut aussprechen darf: „Liebe ist stärker als der Tod. Nein zum Krieg“. Handschriftlich, mit Kugelschreiber, wurde er in eine Urne geworfen – offiziell zählt die Stimme damit als ungültig.
Am Sonntagabend veröffentlichte das staatliche Meinungsforschungszentrum seine Prognose zur Duma-Wahl. Die Regierungspartei Geeintes Russland holte demnach gut 49 Prozent der Stimmen und erzielte damit ein ähnliches Ergebnis wie bei der Wahl vor fünf Jahren. Die ebenfalls kremltreue Kommunistische Partei kam auf rund 14 Prozent, die nationalistische LDPR auf knapp elf Prozent.
Doch neben den offiziellen Zahlen gab es eine andere, nicht gezählte Wahl. Auf verschiedenen Stimmzetteln standen Botschaften wie „Friedliches Russland“, „Russland ohne Putin“ und „Für Frieden“. Ein Wähler schrieb seine Botschaft zwischen die Zeilen mit den verschiedenen Parteien, die zur Auswahl standen.
Auch im Ausland wurde der Wahltag zum Protesttag. Vor der russischen Botschaft in Berlin trug ein Mann eine ukrainische Flagge über den Schultern und warf einen ungültigen Stimmzettel in einen Aktenvernichter, der einer Wahlurne nachempfunden war. Ein Bild, das eindeutiger kaum sein könnte.
Andere stille Kritiker hatten in Russland zur Aktion „Mittag für den Frieden“ aufgerufen. Wer gegen den Krieg ist, sollte mittags ins Wahllokal gehen. Bildeten sich lange Schlangen, sollte das für Eingeweihte ein sichtbares Indiz für die Unzufriedenheit im Land sein.
In Moskau und St. Petersburg bildeten sich nur vor wenigen Wahllokalen die erhofften langen Schlangen. Womöglich lag das auch an der großen Sorge vor Repressionen. Gegen 14 Uhr wurde von Schlangen vor mehreren Moskauer Wahllokalen berichtet. Der Oppositionelle Ilja Jaschin reiste für die Wahl extra nach Armenien, wo viele russische Kreml-Gegner leben, um dort seine Stimme abzugeben und an einer Demonstration gegen Putin teilzunehmen.
Dass die Wahl selbst kein sauberer Vorgang war, dokumentierten unabhängige Beobachter – soweit sie überhaupt in die Nähe der Wahllokale kamen. Politiker der von der Wahl ausgeschlossenen Antikriegspartei Jabloko wurden in Perm und St. Petersburg gar nicht in Wahllokale gelassen oder von der Polizei festgenommen.
In St. Petersburg stimmten Wahlprotokolle nicht mit der Zahl der gezählten Wähler überein. In mehreren Wahllokalen wurde gefilmt, wie vorab ausgefüllte Stimmzettel in die Urne geworfen wurden. Offizielle Wahlbeobachter der OSZE waren nicht zugelassen.
Wähler berichteten zudem von Störungen der elektronischen Wählerverzeichnisse in Wahllokalen in ganz Moskau. Betroffenen seien keine Papierstimmzettel ausgehändigt worden. Womöglich auch, weil die Regierung die digitale Wahl besser steuern kann.
Wer sich in Russland offen gegen die Regierung stellt, riskiert seine Freiheit. Russische Behörden hatten schon in der Vergangenheit vor solchen Protestaktionen an Wahltagen gewarnt und den Menschen mit Anzeigen wegen Extremismus gedroht.
Dabei zeigen Umfragen ein anderes Land als das im Wahlergebnis. Nach der jüngsten Erhebung des Lewada-Meinungsforschungszentrums, des einzigen vom russischen Staat unabhängigen Meinungsforschungsinstituts in Russland, sind 59 Prozent der Russinnen und Russen für Verhandlungen mit der Ukraine. Auf dem Stimmzettel war diese Mehrheit nicht abbildbar – es gab keine Partei, die sie hätte wählen können.
