Wie lange ein Mensch lebt, hängt offenbar nicht allein von Ernährung, Bewegung oder Zufall ab. Auch die familiäre Vorgeschichte kann eine Rolle spielen: Bei Kindern von Hundertjährigen lagen die Lebenserwartung und mehrere wichtige Gesundheitswerte günstiger.
Ihr Sterbealter lag im Durchschnitt rund drei Jahre höher. Bluthochdruck setzte bei ihnen etwa fünf Jahre später ein. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass außergewöhnliche Langlebigkeit in manchen Familien mit biologischen Vorteilen für gesundes Altern verbunden sein könnte.
Grundlage sind drei große Langzeituntersuchungen aus den USA und Großbritannien. Forschende des Albert Einstein College of Medicine, der Boston University und des Tufts Medical Center verglichen 2319 Kinder von Hundertjährigen mit 2703 Kontrollpersonen. Die Daten stammen aus der LonGenity-Studie, der New England Centenarian Study und der UK Biobank. Je nach Untersuchung wurden die Teilnehmenden 16 bis 29 Jahre lang begleitet.
Im Vergleich zu Menschen mit weniger langlebigen Eltern hatten Kinder von Hundertjährigen ein 42 Prozent geringeres Sterberisiko, ein 33 Prozent geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein 32 Prozent geringeres Risiko für Bluthochdruck. Diese Zusammenhänge zeigten sich in allen drei untersuchten Gruppen in ähnlicher Form.
Die Größenordnung wird anhand der UK Biobank deutlich. Dort wurden zwei vergleichbare Gruppen mit jeweils 992 Teilnehmenden gegenübergestellt. Unter den Kindern von Hundertjährigen starben 92 Menschen, in der Kontrollgruppe 137. Herz-Kreislauf-Erkrankungen traten bei 97 gegenüber 160 Personen auf. Bluthochdruck betraf 356 Kinder von Hundertjährigen und 464 Menschen aus der Vergleichsgruppe.
Ein besonders gesunder Lebensstil erklärt den Unterschied offenbar nicht vollständig. Auch nachdem Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegung, Ernährung, Bildungsstand und sozioökonomischer Status berücksichtigt worden waren, blieben die Unterschiede weitgehend bestehen.
„Das soll nicht heißen, dass der Lebensstil keine Rolle spielt – gesundes Verhalten bleibt für jeden wichtig“, sagt Studienautor Eric Reed. Einige Menschen aus Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit schienen jedoch „biologische Vorteile“ zu besitzen. Die ähnlichen Ergebnisse der drei unterschiedlichen Untersuchungsgruppen wertet Reed als Hinweis darauf, dass außergewöhnliche Langlebigkeit innerhalb von Familien gehäuft auftritt.
Welche Eigenschaften dahinterstehen, ist noch offen. „Diese Untersuchung war nicht darauf ausgelegt, die spezifischen vererbten Merkmale zu identifizieren, von denen Kinder Hundertjähriger profitieren“, sagt Sofiya Milman, Professorin für Medizin und Genetik am Albert Einstein College of Medicine und Seniorautorin der Studie.
Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit könnten nach Milmans Einschätzung helfen, die biologischen Grundlagen des gesunden Alterns genauer zu untersuchen. Langfristig könnten daraus Ansätze entstehen, die natürliche Mechanismen der Langlebigkeit medizinisch nachahmen.
Ein schlichtes Prinzip nach dem Muster „Je älter die Eltern, desto länger leben die Kinder“ lässt sich aus den Daten jedoch nicht ableiten. Die Forschenden untersuchten auch Gruppen, in denen das höchste elterliche Lebensalter zwischen 86 und 94 beziehungsweise 95 und 99 Jahren lag. Dort waren die Unterschiede weniger deutlich. Außerdem ließen sich die Ergebnisse zwischen LonGenity und der UK Biobank nicht zuverlässig wiederholen. Besonders robust waren die Zusammenhänge bei einer außergewöhnlichen elterlichen Langlebigkeit von mindestens 100 Jahren.
Bei Krebs zeigte sich kein signifikanter Schutz. Kinder von Hundertjährigen erkrankten insgesamt nicht seltener als die Vergleichspersonen, obwohl ihre Gesamtsterblichkeit niedriger lag. Als mögliche Erklärungen nennen die Forschenden eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen einer Krebserkrankung, häufigere Vorsorgeuntersuchungen oder Zufall. Welche Erklärung zutrifft, lässt sich aus den Daten nicht bestimmen.
Auch beim Schlaganfall waren die Ergebnisse uneinheitlich. In LonGenity und der New England Centenarian Study war das Risiko für Kinder von Hundertjährigen geringer. In der UK Biobank erreichte der Unterschied dagegen keine statistische Signifikanz. In der New England Centenarian Study trat ein Schlaganfall rechnerisch sogar rund elf Jahre später auf. Dieser Zeitunterschied bestätigte sich in den anderen Untersuchungsgruppen jedoch nicht konsistent.
Stabil blieben damit vor allem drei Befunde: eine geringere Sterblichkeit sowie niedrigere Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Für Krebs zeigte sich kein klarer Vorteil, und beim Schlaganfall hing das Ergebnis von der untersuchten Gruppe ab.
Das hohe Alter der Eltern erlaubt keine persönliche Lebensprognose. Die Untersuchung beschreibt statistische Zusammenhänge und beweist nicht, dass bestimmte Gene den Vorteil verursachen. Außerdem konnten nicht alle Einflüsse berücksichtigt werden. Angaben zum Lebensstil beruhten teilweise auf Selbstauskünften, und Informationen über frühe Lebensbedingungen wie die Ernährung in der Kindheit fehlten.
Die untersuchten Gruppen bestanden überwiegend aus weißen Menschen. LonGenity schloss ausschließlich aschkenasisch-jüdische Teilnehmende aus dem Raum New York ein. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche Bevölkerungsgruppen übertragen.
Dass sich die wichtigsten Zusammenhänge dennoch in drei unabhängig erhobenen Datensätzen aus den USA und Großbritannien wiederfanden, macht den Zusammenhang zwischen außergewöhnlicher Langlebigkeit und gesundem Altern innerhalb von Familien besonders auffällig.
- Kinder von Hundertjährigen hatten im Durchschnitt bessere Chancen auf ein längeres Leben; ihr Sterbealter lag rund drei Jahre höher.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck traten seltener oder später auf.
- Für Krebs zeigte sich kein klarer Vorteil, während die Ergebnisse zu Schlaganfällen uneinheitlich waren.
- Das hohe Alter der Eltern deutet auf familiäre biologische Einflüsse hin, erlaubt aber keine genaue Vorhersage für einzelne Menschen.
