KI-generierte Erotikbilder und Pornografie wirken oft täuschend echt. Sie zeigen Personen und Szenen, die in dieser Form nicht existieren, und verbreiten sich zunehmend über Suchmaschinen und soziale Netzwerke. Das kann Unsicherheit verstärken und besonders für junge Menschen Folgen haben.
Generative künstliche Intelligenz kann aus einer Beschreibung fotorealistische Bilder, aber auch Illustrationen, Grafiken oder Zeichnungen erzeugen. Die Grenzen setzt dabei vor allem die Fantasie. Aus der Eingabe „üppige, jung aussehende Frau in erotischem, futuristischem, blau schimmerndem Dress“ kann beispielsweise die digitale Figur Daria entstehen. Unter dem Namen „Daria Artificial“ werden auf X, vormals Twitter, und Instagram regelmäßig neue Bilder veröffentlicht.

Der Ausdruck „Bilder von ihr“ ist allerdings irreführend: Daria existiert nicht. Unklar bleibt, wer die Bilder erstellt. Eine Kontaktaufnahme über X ist nicht möglich; entsprechende Versuche werden dort direkt blockiert.
Ob ein Bild künstlich erzeugt wurde, lässt sich immer schwerer erkennen. Selbst bei einer zufällig ausgewählten Gruppe von 100 Personen wäre wahrscheinlich keine eindeutige Einschätzung zu erwarten. Fotos, Videos, Tonaufnahmen und Texte aus generativen Systemen können echten Inhalten zunehmend ähnlich sehen.

„Was wir mit eigenen Augen sehen, stuft unser Gehirn als real ein“, sagt Sexualtherapeutin Beatrice Wagner. „Das ist die Gefahr dabei. Selbst wenn wir uns sagen, das ist aber nur ein Fake, haben wir die künstlichen Bilder im Kopf. Und von dort lenken und steuern sie uns. Das gilt für Erwachsene, aber noch viel mehr für Heranwachsende, denn diese haben mangels sexueller Erfahrungen noch wenig reale Vergleichsmöglichkeiten.“

„Wenn junge Menschen nun diese perfekten künstlich erschaffenen Körper sehen und dann auf die unperfekte Realität treffen, geht ein bisschen das Staunen und die Entdeckerfreude verloren und macht vielleicht einer Enttäuschung Platz.“

Auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers kann sich dadurch verändern. Der Druck, perfekt auszusehen, ist gerade bei jungen Mädchen bereits hoch. Eine Studie der Universität Harvard aus dem September 2023 kam zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Videos und Fotos auf sozialen Plattformen bei Mädchen im Teenager- und Jugendalter zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Essstörungen führen kann. Genannt wurden außerdem ernsthafte psychische Gesundheitsprobleme bis hin zu suizidalem Verhalten. Neben anderen Mädchen können nun auch künstlich erschaffene Schönheiten zum Vergleichsmaßstab werden.

Die digitalen Figuren werden nicht nur immer realistischer, sondern können zugleich immer weiter von der Wirklichkeit abrücken. Sie können nahezu jede Gestalt annehmen: etwa als Mischwesen aus Frau und Zebra oder Schlange, als Mensch mit pinkem Fell oder als Fee, deren wichtigste Eigenschaft sexuelle Attraktivität sein soll.

Auch Bewegungen, Sprache und Stimme werden weiterentwickelt. Die Figuren sollen sich in Videos zunehmend realitätsnah bewegen und in verschiedenen Sprachen, Tonlagen und Dialekten sprechen können. Ihre Stimme kann dabei unterschiedliche Gefühle ausdrücken. Unternehmen versuchen bereits, daraus Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Ein Beispiel ist „Orifice AI“. Der englische Begriff „Orifice“ bedeutet „Öffnung“. Bei dem Konzept wählt der Nutzer eine digitale Figur aus, die zu seiner sexuellen Fantasie passen soll. Sie kann sprechen und ihn dazu anspornen, seine Sexualität auszuleben. Die Interaktion erfolgt über eine künstliche Vagina mit eingebauten Sensoren. Diese übermitteln dem Computer Signale, sodass die KI ihr Verhalten anpassen kann.
Die rund 700 Dollar teure Technologie wird als „Erwachsenen-Spielzeug für Männer“ und als Ersatz für die „moderne Frau“ beworben. In der Werbung heißt es außerdem: „Ich baue eine KI-Freundin-Sexbox für den durchschnittlichen Mann, der von der durchschnittlichen modernen hypergamen Schlampe abgelehnt wurde.“

Problematisch ist nach Einschätzung von Wagner vor allem, dass einer KI ein menschliches Korrektiv fehlt. „Die KI beinhaltet kein Regulativ, sie wird ihre User nicht in ihre Grenzen verweisen. Beispiel: Ein realer Mensch würde sagen: 'Diese sexuelle Spielart tut mir weh, ich empfinde sie als erniedrigend, so möchte ich nicht, dass du mit mir umgehst.' Damit lerne ich etwas über mich und meinen Partner. Die KI aber hat als Auftrag, alle Wünsche zu erfüllen.“

Im Extremfall könne solches Material sogar die Hemmschwelle zu sexuellem Missbrauch senken, vermutet Wagner. „Mit der KI wird etwas einstudiert, und dann will man ausprobieren, ob der Kick im Realen nicht noch größer ist.“

Häufiger Konsum von KI-generierter Erotik kann nach ihrer Einschätzung auch das Verständnis von Nähe, Sexualität und Beziehungen verändern. „Wenn ich mich nur mit KI-Programmen umgebe, die darauf ausgerichtet sind, meine Wünsche zu erfüllen, prägt dies natürlich unsere Vorstellungen von Nähe und Liebe“, sagt Wagner. „Es meinen ja heute schon viele Menschen, eine Beziehung sei dazu da, damit der andere die eigenen Bedürfnisse befriedige. Das ist natürlich Blödsinn. Eine Beziehung ist dazu da, weil wir uns nach menschlicher Nähe sehnen, weil es zu zweit oftmals schöner ist, weil wir aneinander und miteinander lernen können. Eine KI müsste schon sehr realitätsnah sein, um das zu erfüllen.“

Unrealistische Vorstellungen von Sexualität und Intimität könnten langfristig zu gestörtem Sexualverhalten führen. „Bei Frauen und Männer kann die Situation im realen Sex zu Leistungsdruck und Versagensangst führen, denn sie wissen ja, dass sie an den künstlich generierten Vorbildern gemessen werden“, sagt Wagner. „Dies kann bei Männern zu vorzeitigem Samenerguss und zu Erektionsstörungen führen, und bei Frauen unter Umständen zu Verkrampfungen, die sich in Schmerzen beim Eindringen zeigen.“

„Doch die häufigste Begleiterscheinung wird Lustlosigkeit sein. Wieso soll ich mich mit den unperfekten normalen Menschen abgeben, wenn die KI mir die Abbilder genau nach meinen Wünschen und Vorstellungen schaffen kann? Und dann kommt als Störung noch hinzu, dass das Lernen ausbleibt. Ich muss ja nicht mehr lernen, wo die Klitoris ist und wie ich sie berühre, der KI ist das alles doch egal.“

Wagner sieht in KI-generierter Erotik allerdings nicht ausschließlich Nachteile. „Wenn jemand einsam ist oder wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen keinen Partner / keine Partner findet, könnte die KI aushelfen. Sie versteht einen auch, bzw. sie erweckt durch ihre passenden Antworten die Illusion, dass es so sein könnte. Auch dagegen ist nichts einzuwenden“, sagt die Paartherapeutin. Entscheidend sei die fehlende Begrenzung durch die KI.

Auch Menschen in Partnerschaften nutzen solche Angebote. Einige Partner reagieren darauf mit Sorge, weil sie befürchten, ersetzt zu werden. Andere versuchen, die Technologie gemeinsam einzubeziehen. „Sie sagen: 'Okay, wir holen die KI in unser Bett, aber ich möchte auch mit dabei sein.“

Eltern können sich fragen, ob ihre Kinder sich in der Welt der KI-Erotik verlieren, den Bezug zur Realität verlieren oder mit schädlichen Inhalten in Berührung kommen. Wagner empfiehlt, auch über die Nachteile zu sprechen und aufzuklären. Ein Kind könne zudem ermutigt werden, echte Begegnungen als Herausforderung zu sehen: „Mit einer KI flirten kann doch jeder, aber einen echten Menschen anzusprechen, das kostet Mut“, sagt die Paartherapeutin.

Nach Einschätzung der Paartherapeutin wird KI-generierte Erotik weiter an Bedeutung gewinnen. „So viel ist klar: Im professionellen Liebesmarkt steckt viel Geld und es ist immer wieder etwas Neues gefragt. Sexroboter sind die konsequente Fortführung von Pornografie, die aber im Gegensatz dazu immer stärker auch das gefühlsmäßige Verlangen nach Nähe und Zweisamkeit befriedigt. Die Entwicklung von Sexrobotern ist dabei, sich in exponentieller Geschwindigkeit auszubreiten“, sagt sie.

Gleichzeitig erwartet Wagner eine Gegenbewegung. „Aber es wird auch eine Gegenbewegung entstehen. Wenn Sie jeden Tag ins 5-Sterne-Restaurant gehen müssten, würden Sie sich irgendwann nach einem ganz normalen Käsebrot sehnen. Zudem glaube ich, dass es immer Menschen geben wird, die sich von den Angeboten der KI nicht beeindrucken und manipulieren lassen und die weiterhin Sehnsucht nach echter Interaktion haben werden.“
